Stefan Rehder im Feuilleton der 'DieTagespost' vom 7.3.2000
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Viele sind auf ihn sauer. Dabei sollten sie ihm eigentlich dankbar sein. Zugegeben: der deutsche Schlager hat schon bessere Zeiten erlebt. "Wadde hadde dudde da", so der Titel des Songsmit dem der Entertainer Stefan Raab vor kurzem die deutsche Endausscheidung zum Grand Prix d'Eurovision de la chanson gewann. "Wadde hadde dudde da" wird also die Visitenkarte sein, die das Land der einstigen Dichter und Denker in Stockholm abgeben wird. Keine schoene, aber eine ehrliche.
Denn das "Lied" sa, als ?ber die Befindlichkeit der Nation. Der Metzgersohn Raab ist kein Schlagersaenger, sonderen ein Showmaster, mithin also einer, dessen Profession in der Unterhaltung besteht. Millionen sehen seine Fernsehshow "TV Total" , in der die Platit?den der Medienwelt auf die Schippe genommen werden. Nicht immer anspruchsvoll, nein, oft genug geht Raab dabei genauso platt vor wie seine Vorlagen. Der Mittdreissiger, laengst Millionaer, ist kein Revolutionaer, sondern ein Kind seiner Zeit. Vielleicht ein gewissenloses, ganz sicher aber ein cleveres, das es versteht, aus Mist ein Vermoegen zu machen.
Das kann es freilich nur, weil es dafuer einen Markt gibt. Einen Markt, auf dem - wie es scheint - nichts so sehr begehrt wird, wie das Fehlen von Inhalten. "Content is rubbish, design king" (Inhalt ist Muell, Verpackung alles) lautet ein inzwischen gefluegeltes Wort unter amerikanischen Designern...
Politik, Wirtschaft, Kultur, Medien - vier der fuenf Standbeine, auf denen eine Gesellschaft steht, beten Formen an. Nicht ohne Grund hat die Religion (das fuenfte Bein) dort, wo sie auf klaren Inhalten besteht, derzeit keinen leichten Stand. Dieser Gesellschaft hat Raab mit "Wadde hadde dudde da" - bewusst demaskierend oder genauso bewusst aus Profitsucht, das sei dahingstellt - den Spiegel vorgehalten. Weil Scham aber keine blosse Form sondern ein Ausdruck ist, der ohne Inhalte nicht sein kann, werden wir noch warten muessen, bis sich dergleichen einstellt. Bis dahin formt die Nation den Mund und singt von Inbrunst.